(As published in Meine Idee vom Buch. Zwölf künstlerische Refelxionen zur Bedeutung des Buches in der Gegenwart. Paulus Dreibholz (ed.), Vienna, October 2026)
Meine Ideen vom Buch sind nicht privat.
Ideen vom Buch
Wie anhand der zwölf vorangestellten Projekte skizziert, haben wir alle eine »Idee« vom Buch, so wie der Begriff ursprünglich im Griechischen verwendet wurde. Idee als »inneres Bild«, als »Erscheinung«, »Form«, »Gestalt« oder auch »Modell«, »Vorhaben«, »Konzept«; also eine Abstraktion, eine Ableitung von einem Ding. Wir nehmen an, zu wissen, was ein Buch ist bzw. was es nicht ist. Unsere individuelle Idee wird geprägt durch die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen.
Als typografischer Gestalter und Lehrender denke, arbeite und forsche ich fast jeden Tag an und mit meiner Idee, und fast jeden Tag entwickle ich meine Idee weiter, habe also eine neue Idee. Auch bin ich jeden Tag ein anderer, der diese Idee hat, und jeden Tag ist die Welt eine andere, in der ich bin. Meine Idee verändert sich mit meiner Perspektive, meine Perspektive verändert sich mit meiner Position, und meine Positionen zu dieser Idee sind vielfältig. Ich versuche, diese Positionen bewusst einzunehmen, was bedeutet, dass ich mir selbst und anderen Fragen stelle, und die Antworten auf diese wiederum prägen das Verständnis meiner Position und meine Idee vom Buch.
Subjektive Beobachtungen aus Sicht des Lesers
Wir alle lesen zwar, aber wir alle lesen anders, sind also unterschiedliche Leser:innen. Ich z. B. lese ausgiebigere gedruckte Texte nahezu jeden Tag, zumeist am Abend; am Wochenende kommt noch der Vormittag hinzu. Ich lese Artikel, Abhandlungen, Wissenschaftliches, Philosophisches oder Tagespolitisches zumeist in Zeitungs- oder Buchform. Romane lese ich selten, obwohl ich gute Romane sehr schätze. Mein letzter Roman war Die Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny. Es ist das einzige Buch, das ich zweimal gelesen habe – da ich sehr langsam lese.
Als Kontrast zu Nadolnys Langsamkeit besuchte ich vor einiger Zeit einen Schnelllesekurs – und brach ihn zur Halbzeit ab. Dort wurde mir erklärt, dass 60 Prozent des Textes genügen, um den gesamten Sinn zu erfassen. Und so haben alle Kursteilnehmer:innen schnell gelesen – oder 40 Prozent des Textes eben nicht gelesen. Aber das Lesen ist etwas Schönes für mich, wahrscheinlich weil es Zeit von mir verlangt. Für die investierte Zeit belohnt es mich mit neuem, auf stringenten, präzisen und kohärenten Argumenten aufgebautem Wissen, und – in den seltenen Fällen des Romans – auch einfach schönen Geschichten. Ich bewundere die konsequent geführten Gedankengänge in guten Büchern, denn ich weiß, wie schwer es ist, diese zu formulieren, und wie schwer es fallen kann, diese loszulassen, zu publizieren.
Als Leser bewundere ich auch andere Leser:innen. Die meisten von ihnen lesen nicht nur schneller als ich, sondern auch mehr. In den Regalen der Gebildeten stapelt sich verinnerlichtes Wissen in Form von Büchern. Dies wiederum verhalf dem Buch zum Ruf als Statussymbol. Die Bibliotheken der Gelehrten, der religiösen Stätten, der großen Bürgerhäuser sind uns bekannt – aber auch die Bücher zum Kilopreis für McMansions, die Regale – oder Fotos von ihnen – im Hintergrund der pandemischen Videocalls als imageträchtige Tapete. Von der intellektuellen Überlegenheit war es auch nur mehr ein Katzensprung zur moralischen Überheblichkeit (»Du liest am Mobiltelefon? Grauenhaft!«). Bücher hängen dieser Tage wie Handtaschen an den Hüften der Besucher:innen der Buchmessen – getragen mit Stolz auf den Besitz des Objekts und des geistigen Eigentums. Ein anderer Fetisch ist jener der Bibliophilie: Erstausgaben, Zweitausgaben etc. entpuppen sich zumeist nur als zusätzliche Ausgaben, denn der Inhalt und die Gestaltung ähneln der wesentlich billigeren Letztauflage. Doch auch das »normale« Buch kostet etwas: nicht nur den Buchpreis, sondern auch Rohstoffe und Energie. Oft wird diesbezüglich zugunsten des E‑Readers argumentiert, er sei ökologischer, da er nur einmal produziert tausende Bücher enthalten kann; doch auch er besteht aus Kunststoffen und Metallen, wird überraschend regelmäßig erneuert und bezieht Inhalte aus gut gekühlten Rechenzentren, verteilt über die ganze Welt. Ob die elektronische Lesemaschine tatsächlich ökologischer ist als das analoge, normale Buch?
Objektives Verständnis aus Sicht des Gestalters
Als Gestalter frage ich mich immer wieder, was dies eigentlich ist, das »normale« Buch? Das technische Wort für die uns geläufige Form des Buches ist »Codex«. Schon vor dem Jahre 0 zum ersten Mal dokumentiert, beschreibt es eine Anzahl von mit Scharnieren zusammengehaltenen Wachstafeln, die auch gleichzeitig den Inhalt darstellten, und fand im 1. bis 2. Jahrhundert nach Christus Verbreitung. Diptychen waren zwei Tafeln, Triptychen drei. Ab der Spätantike bezeichnete der Begriff Pergament- oder Papierbögen, die gefaltet wurden und als Lagen die Seiten des Buches ergaben. Einmal gefaltet, ergaben sich vier Seiten. Das bezeichnete man als Folioformat, und die auf diesem Format aufbauenden Bücher als »Folianten«. Das Folio, noch einmal gefaltet, wurde zum Quartformat: acht Seiten; und dies, nach nochmaliger Faltung, zum Oktavformat mit sechzehn Seiten. Zuerst von Kalligrafen befüllt, wurde ab dem 15. Jahrhundert auch im Bleisatz gedruckt – mit den so berühmten einzelnen, beweglichen Typen oder Lettern, entwickelt von Johannes Gutenberg. Als Einzellage oder gebunden aus mehreren Lagen wurde das Buch so bis ins 18. Jahrhundert produziert und auch verkauft. Ein Relikt aus dieser Zeit ist der oft unbedruckte »Schmutztitel« als erste Seite des Buches, der die Titelseite vor Verunreinigung schützte. Der Kern wurde erst vom Käufer, zum Schutz, mit einem Einband versehen. Im 19. Jahrhundert, mit zunehmender Buchproduktion, wurden Bücher erstmals von Druckereien und Verlagen mit Einbänden angefertigt und ausgeliefert – und zum Schutz des Schutzes (Einbandes) kam schon bald der Schutzumschlag hinzu. Bald wurde dieser als Marketingfläche entdeckt, denn Bücher wollten auch verkauft werden.
Schutzumschläge gibt es bis heute (inzwischen oft so gestaltet, dass sie auch im Thumbnail‑Format online sicht‑ und lesbar sind). Einbände gibt es ebenfalls noch. Und auch heute wird die Seitenanzahl der Buchkerne zumeist in Vierer‑Schritten berechnet bzw. erweitert. Druckformate und Materialien haben sich ein wenig geändert und wurden großteils standardisiert. Die Bögen werden meist im Bogenoffset bedruckt; weitere Verfahren sind Rollenoffset, Siebdruck, Digital‑ und Risodruck. An den Steuerpulten der Druckmaschinen (noch immer vornehmlich von Männern besetzt) werden mikroskopisch kleine Punkte und Farbunterschiede verhandelt. Die Fachkräfte sind Expert:innen in Wärme, Kälte, Schatten, Moiré‑Effekten, stochastischen (FM‑) und AM‑Rastern, Höhen und Tiefen und allem dazwischen. Vom Druck werden die Bögen an die Buchbinder übergeben, also jene Verarbeiter, die aus zwei Dimensionen drei machen – die eigentlichen Buchmacher. Faden- oder Klebebindung, mit Heiß- oder Kaltleim, OTA‑Bindung, Leinenqualitäten, Kapitalbändchen, Prägungen, Lesebändchen, Aufschlagverhalten etc. – alles wird verhandelt und im Sinne des Projekts entschieden. Mit diesem Wissen ausgestattet, wird die Gesamtheit der Produktionsvariablen zu einem integralen Bestandteil der Gestaltungsformel. Verantwortungsvoll angewandt, werden die Produkte stimmiger, gedanklich präziser und gestalterisch komplexer. Die Möglichkeiten, kohärente gestalterische Entscheidungsketten zu formulieren (Theorie) und diese auszuführen (Praxis), wachsen mit zunehmendem Bewusstsein.
Gesellschaftliche Konsequenzen aus Sicht des Bürgers
Kohärente Gedankengänge schaffen nicht nur Nachvollziehbarkeit, sondern auch Vertrauen. Eine gut erzählte, kohärente Geschichte kann unterhaltsam sein und gleichzeitig Vertrauen in den/die Erzähler:in schaffen. Eine oberflächlich gut erzählte, inhaltlich jedoch inkohärente Geschichte hingegen kann unterhalten; Vertrauen wird sie keines generieren. Kohärenz bedeutet inhaltliche Nachvollziehbarkeit. Diese ist ein Grundprinzip der Wahrheitsfindung, wie sie zuerst durch Schrift und dann durch das Buch unsere westliche Gesellschaft bis in dieses Jahrhundert formte. Denn zur Nachvollziehbarkeit gehört auch, dass die Quellen, auf die sich eine Argumentation stützt, in ihren Inhalten fixiert sind, also nicht nachträglich manipuliert werden können – eine Sicherheit, die in der digitalen Welt zwar möglich ist, aber im virtuellen Alltag oft nur nachlässig verfolgt wird. Hierbei geht es nicht um die Unfehlbarkeit der Quelle – auch Bücher können falsche Informationen verbreiten –, sondern um die Nachvollziehbarkeit der Inhalte und deren Zusammenhänge. Das Buch – in einer bestimmten Auflage zu einem bestimmten Datum gedruckt und folglich in der Gesellschaft verteilt – beweist sich durch seine Umständlichkeit selbst als Quelle. Leichte Manipulierbarkeit bietet sich hier nicht an.
Um, auf stabilen Quellen aufbauend, nachvollziehbare Argumentationen zu liefern, benötigt man Zeit – sowohl als Autor:in der Gedanken als auch als Empfänger:in. Es gibt hier nur bedingt Möglichkeiten von Abkürzungen, wenn man sich nicht freiwillig auf das Glatteis der Anekdote begeben will. Meinte ich nicht, dass mir das Buch Zeit abverlangt? Zeit, zu lesen, mitzudenken, nachzudenken, zu reflektieren, Argumentationen nachzuvollziehen und zu widerlegen? In der Tat. Das Sammeln von Daten, das Generieren von Information, deren Verteilung und auch deren Konsum passiert schnell. Die Aneignung von Wissen, das Entwickeln von Weisheit, Werten, Ethik und Moral sind jedoch Prozesse, für welche wir Zeit benötigen. Es sind Prozesse, die schon in der Antike im Rahmen der Künste und Kunstausbildung verfolgt wurden und die wir heutzutage mitunter als Fundament unseres Weltverständnisses begreifen. Die kritische Auseinandersetzung mit analog fixierten Quellen (im Gegensatz zum Schnellkonsum von flüchtigen, digitalen Anekdoten) begleitet uns das ganze Leben hindurch, kann aber z. B. in Form von Arbeit und Studium – beides Möglichkeiten des methodischen Fragens und deshalb des Lernens – kultiviert werden. Dort suchen wir nach unterschiedlichsten Fragen und Ansichten in der Diversität unserer Aufgaben und Mitmenschen und haben Interesse daran, Neues zu erfahren und auch korrigiert zu werden. Es ist diese Auseinandersetzung, in der wir Informationen interpretieren, uns Wissen aneignen, Bewusstsein schaffen, Qualitäten und Werte definieren, Kriterien präzisieren und moralische Entscheidungsgrundlagen formulieren. Es ist diese Art von Auseinandersetzung, die uns Mensch werden lässt.